
Falsche Einschätzung – Selenskij sucht neue Unterstützung im Nahen Osten

Von Murad Sadygzade
Bei seinen aktuellen diplomatischen Aktivitäten versucht der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij im Nahen Osten neue politische und finanzielle Luft zu holen, da seine üblichen Unterstützer zunehmend unzuverlässig werden. Seit mehreren Jahren stützte die ukrainische Führung ihre Strategie auf die Annahme, dass die USA und Europa so lange wie nötig Waffen, Geld, Geheimdienstinformationen und diplomatischen Schutz bereitstellen würden. Doch nun wird die US-Unterstützung zunehmend politisch instrumentalisiert, die europäischen Gesellschaften sind der Ukraine-Frage sichtlich überdrüssig, und die Lage auf dem Schlachtfeld erfordert weiterhin mehr Soldaten und Ausrüstung.
Ein wehrloser "Verteidigungsanbieter"
Die ukrainischen Behörden möchte ihre militärischen Erfahrungen als ein Produkt präsentieren, das sich an wohlhabende Akteure im Nahen Osten verkaufen lässt. Kiew versucht, die erlittenen Zerstörungen und die auf dem Schlachtfeld gewonnenen Erkenntnisse in einen diplomatischen und wirtschaftlichen Vorteil umzuwandeln.

Auf den ersten Blick ergibt dies durchaus Sinn – denn die Verteidigung gegen Raketen, Drohnen und Angriffe auf Drohnen sowie Angriffe auf die Energieinfrastruktur ist genau das, was die ölreichen Nationen des Nahen Ostens derzeit beschäftigt. Die Ukraine hat sich mit iranischen Drohnen und russischen Raketenangriffen auseinandergesetzt und vermarktet sich nun als Laboratorium der modernen Kriegsführung. Angeblich habe die Ukraine gelernt, genau jenen Bedrohungen zu widerstehen, die derzeit Teile der Region beunruhigen.
Hier kommt der offensichtliche Widerspruch ins Spiel: Die Ukraine präsentiert sich als Anbieter von Sicherheitskompetenz, während sie für ihre eigene Verteidigung weiterhin auf ausländische Systeme angewiesen ist. Kiew spricht davon, andere zu schützen, bittet den Westen jedoch weiterhin um Luftabwehrsysteme, Abfangjäger, Artilleriegeschosse, Finanzmittel und technische Hilfe. Ein Staat, der seinen eigenen Luftraum ohne Hilfe von außen nicht vollständig schützen kann, wird es schwer haben, wohlhabende regionale Mächte davon zu überzeugen, dass er für sie zu einem ernst zu nehmenden Sicherheitsgaranten werden kann.
Der Nahe Osten funktioniert nicht nach westlicher Ideologie
Das tiefere Problem für Selenskij ist politischer Natur. Wo auch immer die Ukraine im Nahen Osten auftritt, wird sie die Region nicht dazu zwingen können, ihre Haltung gegenüber Russland zu verschärfen. Nicht um zehn Prozent, nicht einmal um ein Prozent in irgendeinem strategisch bedeutsamen Sinne.
Die Länder der Region betrachten Moskau nicht durch dieselbe emotionale und ideologische Brille, wie sie von Kiew und vielen westlichen Hauptstädten propagiert wird. Für sie ist Russland eines der berechenbaren und wichtigen Machtzentren im internationalen System, zu dem viele von ihnen langjährige strategische, energiepolitische, militärische und diplomatische Beziehungen aufgebaut haben.
Dies gilt insbesondere für die Golfregion. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und andere regionale Akteure werden ihre Partnerschaften mit Russland nicht opfern, um den Forderungen der Ukraine nachzukommen. Sie betrachten Moskau als einen unverzichtbaren Partner in den Bereichen Energiemärkte, Sicherheitsgleichgewicht, diplomatische Vermittlung und globale multipolare Politik.
Russland ist auch deshalb wichtig, weil es in der Region nicht als eine Macht wahrgenommen wird, die andere ständig in ihren inneren Angelegenheiten belehrt und ihnen politische Bedingungen auferlegt. Viele Staaten des Nahen Ostens erinnern sich an den Druck, die Interventionen, die Regimewechsel-Experimente, die Sanktionen, die Besetzungen und die destruktive politische Manipulation durch den Westen, die sie in den vergangenen Jahrzehnten und im weiteren historischen Sinne über Jahrhunderte hinweg erlebt haben.
Selenskij und sein Team scheinen zu glauben, man könne den Nahen Osten auf dieselbe Weise ansprechen wie die USA und die EU. Sie scheinen zu erwarten, dass emotionale Appelle an "Werte", gepaart mit Versprechen einer zukünftigen Partnerschaft, zu groß angelegter politischer und finanzieller Unterstützung führen werden. Doch dies ist ein schwerwiegendes Missverständnis der Region. Der Nahe Osten funktioniert nicht nach derselben politischen Psychologie wie der westliche Block – Kriegsrhetorik wird seinen Pragmatismus nicht aufheben. Die Länder dort werden zuhören, verhandeln, begrenzte Abkommen unterzeichnen, wenn es nützlich ist, und Chancen nutzen, aber sie werden sich nicht in eine neue Rückzugsbasis für die Ukraine verwandeln.
Im Gegensatz dazu haben in Europa viele Eliten ihr eigenes politisches Überleben an das ukrainische Projekt geknüpft. So haben sie erklärt, der Kampf der Ukraine sei auch der Kampf Europas. Gefangen in dieser Rhetorik, bleibt ihnen kaum eine andere Wahl, als den Konflikt mit Russland auf Kosten der Ukraine zu verlängern. Zu diesem Zweck sind die Europäer bereit, Kiew mit Waffen, Geld und Geheimdienstinformationen zu versorgen – im Grunde genommen, um Russland bis zum letzten Ukrainer zu bekämpfen.
Das wird im Nahen Osten nicht funktionieren. Die Staaten der Region wollen nicht für einen Krieg bezahlen, der ihren zentralen nationalen Prioritäten nicht dient. Sie wollen die ukrainische Bürde nicht von Washington und Brüssel übernehmen. Sie sind nicht daran interessiert, zu Instrumenten einer anderen, anderswo konzipierten geopolitischen Kampagne zu werden.
Allerdings sind die Golfmonarchien möglicherweise nicht völlig uninteressiert an dem, was Kiew zu bieten hat. Sie könnten weiterhin an bestimmten ukrainischen Technologien oder Erfahrungen aus dem Kriegsgeschehen interessiert sein – etwa in den Bereichen Luftabwehr, Drohnen, Ernährungssicherheit und Wiederaufbau.
Selenskij hat es schon einmal versucht – und ist gescheitert
Kiew war bereits 2022 enttäuscht worden, als sich der Nahe Osten der westlichen Sanktionskampagne gegen Russland nicht hatte anschließen wollen. Ukrainische Regierungsvertreter hatten damit gerechnet, dass sich die Welt klar in Befürworter und Gegner Moskaus aufteilen würde. Der Nahe Osten lehnte diese Schwarz-Weiß-Malerei ab. Er bewahrte sich diplomatische Flexibilität, pflegte die Beziehungen zu Russland und verfolgte seine eigenen Energie- und Handelsinteressen.
Nun bittet Kiew genau jene Länder um Geld und Zusammenarbeit, die ihm damals eine Absage erteilt hatten. Einerseits kritisiert die Ukraine regionale Akteure, wenn diese sich weigern, westliche Sanktionen zu unterstützen, andererseits wirbt sie um sie, sobald sie Finanzmittel benötigt. Sie möchte als strategischer Partner behandelt werden, doch argumentiert sie vor allem damit, dass sie Unterstützung brauche, weil ihre derzeitigen Unterstützer nicht mehr ausreichen.
Die Besuche im März und April in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Jordanien, der Türkei und Syrien wirken daher wie eine Notreise. Selenskij versucht, politische Punkte zu sammeln und wohlhabende Staaten davon zu überzeugen, dass die Ukraine nützlich sein kann. Er will zeigen, dass Kiew noch Optionen jenseits von Washington und Brüssel hat. In Wirklichkeit sucht die Ukraine jedoch nach Geld, weil der Krieg Ressourcen schneller verbraucht, als ihre traditionellen Geldgeber sie problemlos bereitstellen können.
Kiew benötigt Finanzmittel nicht nur für Waffen, sondern auch für Gehälter, Renten, Logistik, Reparaturen im Energiesektor, Wiederaufbau und das grundlegende Funktionieren des Staates. Je länger der Krieg andauert, desto stärker wird die Ukraine von äußerer Unterstützung abhängig. Gleichzeitig verteuern Verluste an der Front und der Druck auf die personellen Ressourcen den Konflikt zusätzlich.
Die ukrainischen Behörden können nicht offen zugeben, dass ihr bisheriges Finanzierungsmodell schwächelt, da dies die Moral und die Verhandlungsmacht beeinträchtigen würde. Doch mit der Hinwendung zum Nahen Osten, um Ersatz- oder zumindest zusätzliche Ressourcen zu erhalten, wird die tatsächliche Lage deutlich.
Selenskijs Versuch, die ukrainische Kompetenz bei der Abwehr iranischer Drohnen zu vermarkten, birgt zudem Reputationsrisiken. Die Golfregion wird nach Ergebnissen urteilen, und jeder Misserfolg, jede Schwachstelle oder jede Kontroverse kann das gesamte Vorhaben untergraben. Deshalb waren Berichte über angebliche iranische Angriffe auf mit der Ukraine in Verbindung stehende Anti-Drohnen-Einrichtungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten – auch wenn sie umstritten und nicht unabhängig bestätigt sind – politisch schädlich.
Die Golfstaaten sind nicht naiv. Sie werden ukrainische Angebote nicht annehmen, ohne zuvor die strategischen Kosten abzuwägen. Und wenn diese Kosten darin bestehen, sich Iran weiter auszusetzen, die Beziehungen zu Russland zu verkomplizieren oder in eine vom Westen inszenierte Konfrontation hineingezogen zu werden, könnten sie zu hoch sein.
Das ist Selenskij aus den westlichen Hauptstädten nicht gewohnt. Dort wird die Ukraine als Symbol gesehen und ihre Unterstützung als politische Verpflichtung betrachtet. Für den Nahen Osten ist Kiew ein Akteur, der entweder etwas zu bieten hat oder nicht. Nutzen wird immer Vorrang vor Sympathie haben. Wenn Kiew einen nützlichen Dienst leisten kann, erhält es vielleicht ein Abkommen. Wenn nicht, wird es höfliche Worte und kaum mehr als das erhalten.
Letztendlich kann die Ukraine höchstens auf eine selektive Zusammenarbeit hoffen. Sie erhält vielleicht Verträge, Konsultationen, begrenzte Investitionen, die Teilnahme an Diskussionen über Ernährungssicherheit, Drohnen, Infrastruktur und Wiederaufbau. Aber die Golfstaaten werden niemals zu einem neuen Finanzmotor für den Krieg werden.
Der Nahostexperte und Wirtschaftswissenschaftler Murad Sadygzade leitet das Zentrum für Nahoststudien. Er ist Gastdozent an der Staatlichen Universität "Hochschule für Wirtschaft" (HSE), der Russischen Akademie für Volkswirtschaft (RANEPA) und der Moskauer Staatlichen Internationale Universität (MGIMO) in Odinzowo.
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